Oft fragen Kunden, ob wir mit einer “kleinen” Kamera oder mit einer “großen” drehen. Gerne mit der entsprechenden Gestik. Mit den “kleinen” sind dann DSLRs gemeint. Also digitale Spiegelreflexkameras, mit denen viele Videojournalisten heute ihren Job erledigen. Bei den “großen” denken die Leute an schwere Geräte, die sie aus dem TV oder von Messen kennen und oft auf den Schultern eines schwitzenden Kameramanns lasten. In Produktionskreisen wird deshalb gerade eine Frage heiß diskutiert: Kann ich meine Videoproduktionen auch mit DSLRs realisieren?
Dieser Artikel erklärt die grundlegenden Unterschiede, um Produzenten und Auftraggeber vor einer falschen Wahl zu schützen. Hat sich der angefragte Produzent bewusst für eine DSLR entschieden oder steht eine Plaudertasche vor Ihnen, die es einfach nicht besser weiß. Denn ein gängiger Irrglaube ist: Eine teure, moderne Kamera reicht um ein Video zu produzieren. Wirft man einen Blick in die Medien, in denen der Redakteur mal schnell per Meeting zum “Bewegtbildbeauftragten”, zum “Videoredakteur” oder gar zum “Produzenten” ernannt wurde, zeigt sich in den Produkten meist schnell, wie man es besser nicht angehen soll.
Die Neuvorstellungen aller DSLR-Hersteller glänzen mit zahlreichen Videofunktionen. Die Aufnahmen landen in voller HD-Auflösung auf den Speicherkarten und die Kameras lassen sich wesentlich einfacher transportieren als die üppigen Profi-Modelle. Inzwischen setzen einige Produzenten sogar DSLRs für Werbe- oder gar Filmproduktionen ein. Das ist keineswegs falsch. Jedoch nur, wenn der Produzent die Kameras bewusst wählt und nicht aus Budgetgründen oder um sie einmal auszuprobieren. Jan Schaumburg hat sogar den Arthouse-Film “Über uns das All” nur mit DSLR-Kameras (mehrere Canon EOS 7D) gedreht. Samt Schauspieler, Finanzierung, aufwändiger Postproduktion – also ein richtiger Film, ausgezeichnet und in Koproduktion mit Pandora Film und dem WDR.

Über uns das All (Quelle: Pandora Film, WDR)
Vorteile einer DSLR:
Durch ihr geringes Gewicht lassen sich DSLRs viel leichter an schwer erreichbaren Positionen anbringen, etwa auf dem Kühler eines Autos oder unter der Decke eines Raumes. Da das passende Zubehör jedoch (noch) fehlt, muss das Kamerateam hier noch selbst basteln.
Außerdem ist der Body einer Spiegelreflexkamera wesentlich handlicher. Die Modelle haben problemlos im Rucksack eines Videojournalisten platz. Bei größeren Drehs oder Auslandseinsätzen ersparen sie teure Übergepäckgebühren, das schont die Produktionskosten. Der Vorteil ist jedoch zugleich ein Nachteil. Drückt man während der Aufnahme die Knöpfe am Gehäuse, verwackelt die Aufnahme. Die Kamera hat durch ihr geringes Eigengewicht wenig Ausgleich und bewegt sich zu stark. Schon die kleinste Kraftanwendung zerrüttet das Bild, da hilft auch kein Bildstabilisator mehr. Kameramänner die mit einer guten Schulterkamera arbeiten, bedienen das Gerät während der Aufnahme ohne einen Wackler.
Die wechselbaren Objektive geben dem Kameramann Spielraum und sind um einiges preiswerter als die für Profigeräte. Für jeden Hersteller gibt es zahlreiche Objektive, ob Weitwinkel-, Tele-, Makro- oder gar Fisheye-Optik. Die hohe Lichtempfindlichkeit der Spiegelreflexkameras bringt auch bei schlechten Lichtverhältnissen noch sehr gute Ergebnisse.
Nachteile der DSLR:
DSLRs nehmen das Bild eigentlich mit viel mehr Bildpunkten auf und skalieren im Videomodus auf 1920×1080 Bildpunkte oder weniger und zeichnen mit einer Farbtiefe von 4:2:0 auf. Der Schlüssel zeigt, wie stark ein Bildsignal komprimiert wurde. Optimal wären 4:4:4. Wenn ein interner Prozessor skaliert entstehen Rundungsfehler. Jede Skalierung schadet dem Bild. Schon hier kann es bei bestimmten Mustern zu Moireè-Effekten kommen oder gar zu Bildflimmern. Danach komprimieren die Geräte den Clip meist mit dem H.264-Codec. Dieser ist zwar effizient, beschränkt jedoch den Farbraum und kann in bestimmten Situationen zu Artefakten führen, das passiert beispielsweise gerne bei Feuer, Rauch oder Wasser. Die Postproduktion bekommt dann ein Bild mit weniger Farbinformationen im Video und kann nicht so einfach nachbearbeiten. Vor allem die Farbkorrektur verliert hier deutlich an Möglichkeiten. Profi-Kameras zeichnen das Bild mit 4:2:2 auf, das macht die Farbkorrektur mächtiger, die bildtechnischen Möglichkeiten größer. Außerdem erlauben nur die teuren Modelle dem Produzenten freie Hand. Die mittlere Preisklasse verweigert im Videomodus gerne tiefgehende Einstellungen. Das kann am Set schnell zu Problemen führen.
Außerdem verfügen DSLRS über einen kleinen Viewport. Sucher und Display sind meist nicht so hochwertig wie bei Profikameras. Einige Modelle zeigen das Livebild sogar mit Verzögerung. In Produktionen ist deshalb unbedingt ein hochwertiger Kontrollmonitor nötig. Nur damit kann der Produzent die Bilder bewerten. Stimmen die Farben? Passt das Licht? Zwar sind die Spiegelreflex-Kandidaten klein und handlich, sie lassen sich deshalb einfach montieren, aber auf einem Kran oder Dolly wird dieses Feature zum Graus. Zum Einen sind sie empfindlicher gegen Erschütterungen, zum Anderen ist es eine Kunst die Schärfe während einer Bewegung „nachzuziehen“. Einen automatischen Fokus bietet keine DSLR im Videomodus, hier ist eine geübte und ruhige Hand nötig. Für Profiteams gibt es hier entsprechende Zusatzhardware (beispielsweise Follow-Focus). Hier produzieren Spezialisten für Profikameras und ihre Schraub- und Montagenormen seit Jahren tolle Produkte, bei DSLR-Zubehör ist die Auswahl noch nicht so groß und einige Produkte kämpfen noch mit Kinderkrankheiten.
Erschütterungen sind leicht zu sehen und schnell zu stark für den internen Stabilisator. Die Postproduktion kann das richten, allerdings auf Kosten der Bildqualität. Inzwischen gibt es sogar Steadycam-Vorrichtungen für Spiegelreflex-Geräte, doch auch hier erschüttert jeder Knopfdruck des Kameramanns das Gehäuse.
Zumal beschränken DSLR-Hersteller gerne die Funktionen bestimmter Modelle, um sie klar vom nächst größeren Familienmitglied abzugrenzen. So ergab ein Test der Nikon D90 auf Slashcam, dass das Videobild hier wohl mit Absicht unschärfer ausfällt. Zudem verwenden viele DSLRs auf den Karten ein Dateisystem das keine großen Dateien zulässt. Dadurch ist die Aufnahmezeit beschränkt, für eine Produktion ist dieser Umstand natürlich unbrauchbar. Professionelle Kameras, die auf Speicherkarten schreiben, etwa die JVC Pro GY-HM700, nutzen einen Zwischenspeicher und erstellen eine neue Datei mit fortlaufender Nummer.

Profis brauchen mehr Optionen
Wer mit einer DSLR zum Dreh kommt muss viel Zubehör kaufen. Für Mikrofone ist ein XLR-Eingang notwendig, diesen bietet keine DSLR. So ist ein Adapter mit umständlichem und qualitativ schlechterem Klinkenstecker für den Mikroeingang notwendig. Für das Licht braucht man einen Aufsatz, der Viewport will befestigt sein, eine Mattebox passt nur mit speziellen Adaptern. Hinzu kommen große Akkupacks (für Licht, Phantomspeisung, Viewport usw.) und ein Follow-Focus (hier wird das Angebot stark beschränkt). Schon steht der Kameramann vor einem Geflecht aus Kabeln, Geräten und zusammengesteckten Modulen, von denen einige mit Tape und Klett festgezurrt sind. Nicht gerade eine flexible Lösung und vor jedem Einsatz ein kleines Puzzle-Spiel. Da können Videojournalisten mit DSLRs ein Klagelied davon singen.

Ab jetzt gilt: Ja nichts anfassen!
Sony will mit der F3 genau in diese Nische und liefert eine Kamera die wie eine DSLR aufnimmt und Tiefenschärfe wie ein 35mm-Modell schafft, aber das Videomaterial nur mit XDCam komprimiert. Später soll ein Firmware-Update folgen, welches am HD-SDI-Ausgang unkompliziertes 10-Bit RGB mit 4:2:2 ausgibt. Das Gerät kostet jedoch ohne Optik zirka 15.000 Euro. Profibereich bleibt Profibereich.

Sony hat den Trend erkannt und wurde unter anderem schon für Porsche-Drehs eingesetzt.
Vorteile:
+Film-Look durch hohe Tiefenschärfe
+Wechselbare und relativ preiswerte Objektive
+Hohe Lichtempfindlichkeit
+Geringes Gewicht
Nachteile
-Bildfehler durch Skalierung des Bildes
-Aufnahmebeschränkung durch Dateisystem
-Videokompression
-Kleiner Viewport
-Anfälliger für Erschütterungen, empfindliche Führung
-Weniger Installationsmöglichkeiten (Dolly, Kran)
-Weniger Zubehör verfügbar
-Viel Zusatzausrüstung nötig (das Ergebnis ist meist ein klappriges Provisorium aus Hardware)
-Herstellerseitige Beschränkungen (in einigen Fällen sind sogar Firmware-Hacks notwendig)
Fazit:
DSLRs erzielen gute Bilder, allerdings sind die Kameras wegen ihrer kompakten Bauweise eher für den Einsatz auf dem Stativ gedacht. Zumal muss sich der Produzent im Klaren sein, dass sein Gerät bereits bei der Aufnahme das Bild komprimiert. Plötzlich tauchen wieder die alten Probleme wie der Moire-Effekt auf. Protagonisten sollten keine Kleidung mit feinen Mustern tragen und die Postproduktion wird mit deutlich schlechterem Material versorgt. Dafür erlauben selbst kleine Budgets Produktionen mit mehreren DSLRs, um Szenen parallel zu drehen, also per Multicam. Das spart teure Produktionszeit. Für Blogger und den schnellen Dreh reichen die Kameras aus, auf Stativen oder mit einem gut gebrieften Postproduktions-Team auch für Werbespots und hochwertige Produktionen. Dann natürlich mit dem entsprechenden Zubehör und Kameramännern, die viel Erfahrung haben, vor allem im Umgang mit zahlreichen Zusatzequipment, welches noch irgendwie auf, um und unter der Kamera Platz finden muss. Eine Schulterkamera kann eine digitale DSLR niemals ersetzen, dafür ist die Führung viel zu unstabil. Dazu muss sich der Kameramann in einen Steadycam-Käfig zwängen. DSLRs haben Ihre Daseinsberechtigung und sind für bestimmte Produktionen die richtige Wahl. Im Auftrag eines unerfahrenen Produzenten sind sie jedoch eine Qualitätsfalle und eine Erfahrung, die der Auftraggeber teuer bezahlt.
PAGES Media produziert sowohl mit Profikamera(s) als auch mit DSLR(s), damit jedes Projekt so umgesetzt wird, dass es zum Auftraggeber passt. Zu seiner Idee. Zu seinem Budget. (tp)
